Es geht seit Anfang der Woche herum wie ein Lauffeuer: Apple verkündete das Aus für Radio Applikationen – kurz Apps – im hauseigenen Online-Store. Betroffen sind dabei alle Programme für iPad, iPhone & Co., die einen oder mehrere Radio-Channel eines einzelnen Anbieters beinhalten und abspielen können – also ein Großteil der bis dato existierenden Radio-Apps weltweit. Ausgenommen sind sogenannte Aggregatoren wie radio.de; auch Tobit wird mit seiner Radio.fx Applikation wohl eher kein Problem bekommen.
Apple argumentiert, die betroffenen Radio-Apps seien Spam und vergleicht diese gar mit „Furt Apps“ („Furz-Apps“), welche in der letzten Zeit bei Apple nicht die gleiche Belustigung hervorriefen wie bei ihren Benutzern. Die zahlreichen Radio-Apps stellen laut Apple keinen Mehrwert dar. Der Vergleich mag drastisch sein und den Ansprüchen einer Radio-Applikation im Vergleich derer eines reinen Spaß-Programmes mit Sicherheit nicht gerecht werden. Doch verkennen viele verärgerte Anbieter den wahren Kern des Ganzen: Wie im „Bitter Lemmer“-Beitrag „App-Schock aus Cupertino“ auf radioszene.de richtig analysiert wurde, basiert ein Großteil der vielen Dutzend Radio-Applikationen auf einigen wenigen Baukasten-Programmen; stammen gar aus der Schmiede von Dienstleistern, die man an einer Hand abzählen kann. Der BWLer zuckt bei dieser Feststellung mit den Schultern, nennt dieses Vorgehen effizient, vergisst dabei jedoch, dass Apples Plattform alles andere repräsentiert als die freie Marktwirtschaft. Was hier angeboten werden darf und was nicht, entscheidet sich eben genau dort, im kalifornischen Cupertino. In letzter Instanz durch Apple-Mastermind Steve Jobs höchstpersönlich. Dessen E-Mail Reaktion auf eine Beschwerde fiel knapp aus: „Sorry, we’ve made our decision”.
Welche Auswirkungen wird diese Entscheidung haben? Zum einen kann man davon ausgehen, dass über den offiziellen Weg zukünftig keine neuen Radio-Apps, die das Konzept der bekannten Programme verfolgen, in den App-Store aufgenommen werden. Ob es Schlupfwege geben wird, beispielsweise, indem man neue Apps über die Accounts von unterschiedlichen Entwicklern – und eben nicht mehr über die Massenaccounts der wenigen Baukasten-Anbieter – in den Store einschleust, wird sich zeigen. Noch bestehen Zweifel an den genauen Beschränkungen seitens Apple. Denkbar wäre natürlich auch noch eine Verbreitung über die offenen Plattformen wie Cydia, die jedoch einen Jailbreak des Gerätes voraussetzen und sich dadurch in einer tiefgrauen Zone bewegen. Für die meisten Anbieter ist dies daher keine Alternative und die Branche würde es sich mit Apple wohl endgültig verscherzen.
Nach Aussagen einer mir bekannten App-Schmiede sind die vorhandenen Radio-Apps nicht betroffen, sollen also nicht gelöscht werden. Da sich so ziemlich jeder UKW-Sender, wie auch die bedeutenden reinen Internetstationen, schon längst eine App gegönnt hat, könnte sich der Schaden für die deutsche Radiolandschaft also vorerst in Grenzen halten. Kritischer könnte es werden, wenn Apple für die bestehenden Apps keine Updates mehr zulässt.
Unschön wird es auch, wenn man die wenigen Apps betrachtet, die zweifelsohne unter die Einschränkungen fallen werden, jedoch nicht auf den angesprochenen Bausätzen basieren. Besonders Internetsender wie TechnoBase, welche ihre App von Grund auf selbst entwickelt haben und dadurch einzigartige, individuelle Features bieten, sind hier zu nennen. Noch ein Detail unterscheidet die Apps der Internetsender von denen der meisten UKW-Sender: Die deutschlandweite Zielgruppe rechtfertigt das Dasein im App-Store um ein Vielfaches mehr als bei Radio Hinterschwarzwald. Auch hier gibt es natürlich Ausnahmen, sunshine live ist so eine, und auch die ausgewanderten Hinterschwarzwäldler, die ihren Heimatsender auf Mallorca hören möchten, sind irgendwie ein Argument. Doch wird all dies Apple kaum interessieren.
Muss es auch nicht. Manch einem wird in diesen Tagen bewusst, wie abhängig wir mittlerweile von Platzhirschen wie Google, Facebook oder eben Apple sind. Und die halten Ordnung in ihrem Revier – nun darf aber niemand behaupten, dass man das vorher nicht erahnen konnte. Who’s next?
Gastbeitrag von Timo Mauter, Geschäftsführer RauteMusik GmbH

